Olaf Otto Becker

Landschaften lesen

© Rob Becker

Nach Angaben des WWF ist ein Drittel der Landmasse unseres Planeten von Wald bedeckt. Jedes Jahr gehen mehr als 150.000 km² durch Entwaldung verloren – eine Fläche von dreißig Fußballfeldern pro Minute. Während im Amazonasgebiet Bäume gefällt werden, werden in Singapur, Kuala Lumpur und anderen Städten Indonesiens oder Malaysias Bäume aufgestellt – künstliche Pflanzen aus Plastik. Eine der großen Paradoxien unserer Zeit. Während überall auf der Welt Tag für Tag die Wälder auf dem Altar der Globalisierung und des grenzenlosen Konsums geopfert werden, haben Etiketten wie „biologisch“ und „nachhaltig“ in den Marketingstrategien der weltweit agierenden Industriekonzerne und der großen Marken Hochkonjunktur.

Die Serie Landschaften lesen entstand in den Urwäldern Indonesiens und Malaysias und zeigt die Natur in drei verschiedenen Stadien: in intaktem Zustand, im Zustand der Zerstörung sowie in Gestalt künstlicher Nachahmung. Der deutsche Fotograf Olaf Otto Becker (*1959) arbeitet in seinen Bildern den Kontrast heraus zwischen der Erhabenheit der Urwälder, die noch verschont von menschlichem Eingreifen sind, den endlosen Feldern pflanzlicher Ruinen und den Stätten der Moderne, die in ihrem fremdartigen Futurismus an finstere Dystopien erinnern.

Indem Becker diese drei Formen von Natur in einer gemeinsamen fotografischen Ästhetik vereint, führt er dem Betrachter eine schockierende Tatsache vor Augen: Innerhalb weniger Jahrzehnte verschwinden Wälder, deren Entstehung mehrere Millionen Jahre gedauert hat. An ihre Stelle tritt eine künstliche Natur, eine leere, grüne Hülle, erschaffen von der Konsumgesellschaft.

Becker, nach dessen Ansicht „Kunst etwas über die Gegenwart aussagen muss“, weist mit dieser Arbeit auch noch auf einen anderen Aspekt unseres Umgangs mit der Natur hin: die Dummheit des Menschen, das ersetzen zu wollen, was er selbst verbraucht hat. Doch vergebens. Zwar versuchen in Singapur künstliche Anlagen in Form von Bäumen, mittels Technologie das zu leisten, was sonst die natürliche Vegetation leistet (Nutzung von Sonnenenergie, Sammeln von Regenwasser), doch bleibt dies nur ein schwacher Abklatsch der unendlich komplexen Vorgänge in echten Bäumen. Auch Becker betont: „Selbst die Erfindungen der besten Architekten der Welt können die vernichteten Wälder und das Ökosystem, das sie bilden, nicht ersetzen.“ Beckers Fotografien, zugleich poetisch und schonungslos realistisch, zeigen das betrübliche Bild einer modernen Welt in all ihrer Widersprüchlichkeit.

 

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