Miquel Dewever-Plana

Von Ufer zu Ufer

© Estelle Le Sage Fougère

„Was macht mein Ich aus? Meine Gesichtszüge, meine Kleidung? Meine soziale Stellung, die Sprache meiner Eltern? Mein Blick, der Blick der anderen?“

Französisch-Guayana liegt 7000 Kilometer vom Mutterland entfernt. In dieser vergessenen Region feiert nicht nur die europäische Raumfahrt ihre Erfolge, sondern hier spielt sich auch ein Drama ab, das eines modernen Staates unwürdig ist. Mitten im Urwald des Amazonas, in den Orten zwischen den großen Flüssen Maroni und Oyapock, gehen viele Ureinwohner, meist Jugendliche, freiwillig in den Tod. Angesichts der zahlreichen Fälle ist es nicht übertrieben, von einer regelrechten Epidemie zu sprechen.

Weil er dieses Phänomen verstehen wollte, hat der franko-katalanische Fotograf Miquel Dewever-Plana (*1961), dessen Werk sich mit Fragen der Identität beschäftigt, zwischen 2013 und 2016 die Völker der Wayana, der Wayapi und der Teko in ihrem Alltag begleitet. Die dabei entstandenen Porträts und Berichte der Ureinwohner, deren Leben zwischen Bewahrung der Traditionen, Traumata der Kolonisierung und Faszination für den Westen schwankt, hat er in seinem Buch Von Ufer zu Ufer zusammengestellt.

Miquel Dewer-Plana, von 2002 bis 2016 Mitglied der Agentur VU, hat sich in seiner fotojournalistischen Arbeit schon immer für die Belange von Ureinwohnern eingesetzt. Seit 1995 bereist er regelmäßig Mexiko und Guatemala und erforscht dort die rund dreißig Volksgruppen der Maya. Dabei gelingt es ihm, im Lauf der Jahre mit den Menschen, die er fotografiert, ein Verhältnis wechselseitigen Vertrauens aufzubauen. Jedes seiner Bilder entführt den Betrachter tief in die Welt dieser Ureinwohner, deren jahrhundertealte Traditionen durch die Globalisierung ins Wanken geraten. Dewever-Plana besitzt die beiden Gaben, die ein Fotograf braucht, um das innerste Wesen derer hervorzukehren, die vor seiner Kamera stehen: Er nimmt sich Zeit und er hört zu, taucht ganz in die Welt ein, die er in seinen Aufnahmen festhalten will, und greift erst dann zum Fotoapparat, wenn sein Gegenüber ihm vollauf vertraut. So gelang ihm 2010 eine Reportage über die Maras, die kriminellen Jugendbanden Mittelamerikas, sowie das fesselnde und einfühlsame Porträt des langjährigen Bandenmitglieds Alma. Die Webdokumentation über diese junge Frau, die er zusammen mit der Journalistin Isabelle Fougère erstellte, erhielt 2013 beim Festival Visa pour l’image einen ersten Preis.

Seine Diptychen der Ureinwohner von Guayana sind persönliche Porträts und Zeitdokumente. Sie illustrieren den nie endenden Kampf des Menschen, der trotz der Einflüsse und Zwänge einer Welt, in der die Globalisierung immer schneller voranschreitet, überleben und sich weiterentwickeln will.

 

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