Karen Knorr

Fabeln

@ Karen Knorr

Füchse, Wildschweine, Hirsche oder Reiher, die sich in prunkvolle Gemächer des Ancien Régime vorgewagt oder in prächtigen indischen Palästen verlaufen haben. Museen wie das Musée Carnavalet oder das Jagd- und Naturkundemuseum in Paris, Gebäude, die zum kulturellen Erbe Frankreichs gehören wie die Châteaus in Chambord oder in Cheverny, das Musée Condé in Chantilly, die Villa Savoye in Poissy, aber auch Kenwood House oder die Tate Gallery in London – an diesen Orten entstehen unwirkliche Szenen, denen der Betrachter, halb amüsiert, halb beunruhigt, mit zweifelndem Blick gegenübersteht, in stillschweigender Anerkennung des Paktes, dem gemäß jedes Bild eine Ausflucht zulässt und sich als fiktiv, ja fiktional erweisen darf.

Karen Knorr, eine der prägenden Figuren der zeitgenössischen Fotografie, gehört einer Generation an, die das Wesen des fotografischen Kunstwerks hinterfragt und in ihm nicht mehr nur ein Abbild der Wirklichkeit sieht, sondern ein eigenständiges, gemachtes Bild. Die Idee des „entscheidenden Augenblicks“, der noch Cartier-Bresson anhing, weicht dem Gedanken der Inszenierung. Die künstlich arrangierte Komposition ermöglicht einen kritischen Diskurs. Mit der Serie Fabeln setzt Knorr die Inszenierung von Museen und ihrer Sammlungen fort, die sie schon in früheren Serien begonnen hat. Diese Variationen über Trugbilder prangern das Unechte an, das, seitdem es in der Welt ist, seinen idealen Ort im Museum findet, diesem zweideutigen Raum, in dem die Spuren der Vergangenheit konserviert werden und die Geschichte auf sinnenbetörende Weise ausgestellt wird.

An diesen kulturell bedeutenden Orten platziert Karen Knorr lebende oder ausgestopfte Tiere, die – in der typischen Haltung von Kunstliebhabern – die dort gezeigten Exponate betrachten. So bekommt ihr Werk, in dem sie zahlreiche Bezüge zur Mythologie sowie zu Kunst und Literatur herstellt, in seiner allegorischen Gestalt Züge einer Parodie auf die Kunstformen der Vergangenheit sowie einer Kritik des ästhetischen Urteils und des Sachverstandes, die beide als konstruierte Kategorien entlarvt werden.

Karen Knorr entwirft unechte Szenen von unechter realistischer Prägung, mit unechten Tieren an unechten Orten, und friert so die Vergangenheit und die Gegenwart ein. Das Fremdartige und die Ironie, mit denen sie das Vertraute erschüttert, sorgen für die Künstlichkeit und die Rätselhaftigkeit, die auch die Fiktion formen und den Kern von Fabeln bilden. Die Wirklichkeit wird verschleiert, um die Wahrheit zu sagen.

Nach einem Artikel von Bertrand Tillier, Professor für Geschichte der zeitgenössischen Kunst an der Université de Bourgogne und Direktor des Centre Georges Chevrier.

 

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