Mama Casset

„African Photo Studio“

© Revue Noire

Ein Kopf, der lässig auf verschränkten Händen ruht, ein imposanter Kopfschmuck, in dem Stoffe und kunstvoll geflochtene Haare ineinanderfließen, die behutsame Bewegung eines Handgelenks, prächtige Kleider, das Gesicht eines Kindes in seiner ganzen Einzigartigkeit – der senegalesische Fotograf Mama Casset war ein Meister darin, solche schlichten, aber schwer fassbaren Posen einzufangen. In seiner Heimat wurde er zum Wegbereiter der Fotografie. Er begann seine Karriere als Porträtist, nachdem er für das Fotostudio Comptoir Photographique de l’Afrique Occidentale Française sowie für die französische Luftwaffe gearbeitet hatte, für die er zwanzig Jahre lang Luftaufnahmen machte. Mama Casset gehört zu den Menschen, die die beiden großen Konflikte des 20. Jahrhunderts miterlebt haben. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete er im Herzen der Altstadt von Dakar sein Studio, „African Photo“.

Zu dieser Zeit, als die afrikanische Mittelklasse einen bedeutenden Aufschwung erlebte, war es bei der Bevölkerung äußerst beliebt, sich in einem Fotostudio porträtieren zu lassen, so wie es die Europäer Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführt hatten. Diese Mode hat Mama Casset begleitet, zumal nach 1960, als der Senegal die Unabhängigkeit erlangte und viele ausländische Fotografen das Land verließen.

Doch er führte nicht nur das angesagteste Studio in Dakar. Seine Aufnahmen, die er selbst als künstlerisch bezeichnete, zeugen von einer sehr persönlichen Ästhetik, die prägenden Einfluss auf nachfolgende Generationen ausübte: wenige Ausstattungselemente, eine Inszenierung mit klaren Strukturen, häufiger Einsatz von Schrägen und Diagonalen, und ein sehr enger Bildrahmen, der in feinfühliger Art die tiefliegenden Schichten der Persönlichkeit seiner Modelle für die Ewigkeit festhält. Betrachtet man ein Foto von Mama Casset, so riecht man förmlich den schweren Duft von afrikanischem Weihrauch, man hört fortwährendes Lachen oder spürt die verschleierte Traurigkeit, all die Stärken und Schwächen der Menschen, die ihm gegenübersitzen.

Roland Barthes nannte das Porträtfoto ein Kraftfeld, in dem sich vier Vorstellungswelten kreuzen. Vor dem Objektiv befindet sich derjenige, der ich zu sein glaube, derjenige, der ich sein möchte, derjenige, der ich in den Augen des Fotografen bin, und derjenige, mit dessen Hilfe er seine Kunst ausübt. Diese Männer und Frauen, die sich uns auf diesen in die Jahre gekommenen Aufnahmen zeigen und von denen viele sich mit ihren prächtigsten Schmuckstücken präsentieren – wer sind sie, und wer wollen sie sein? Und vor allem: Wer ist es, der sie betrachtet und deutlicher zu sehen scheint als jeder andere?

Festivaldirektor Lois Lammerhuber stellt die Ausstellung von Mama Casset vor

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